Stolpersteine
Reinigung der Stolpersteine
Die Reinigung erfolgt jährlich durch den Bürgerverein Essen-Karnap e.V.
Sonntag, 09.11.2025
Karnaper Markt 2
45329 Essen
15:00 - 15:30 Uhr

Reinigung der Stolpersteine 2025 – NIE WIEDER IST JETZT!
Die Reinigung der Stolpersteine in Essen-Karnap war weit mehr als eine Aktion: Es ist ein Akt des unerschütterlichen Widerstands gegen das Vergessen, der das Grauen der Vergangenheit in unser heutiges Bewusstsein zwingt. Die jährliche Reinigung am 9. November, dem Schicksalstag der Novemberpogrome, diente nicht nur dazu, die Steine vom Schmutz zu befreien, sondern auch das Gewicht der Geschichte auf sich zu spüren. Menschen, die hier geboren wurden, gelebt haben und ein Teil unserer Gesellschaft waren, wurden nicht nur zunächst ausgegrenzt, sondern in Folge auch vertrieben und ermordet. Wir müssen stets mahnen, wie es begann, deshalb: „Wehret den Anfängen!“
Im Schatten dieser bewegenden Zeremonie verlas Bernhard Pflugradt die Namen und Schicksale, die von den Nationalsozialisten ausgelöscht wurden. Als stummer Ausdruck des Meeres der Tränen und des unendlichen Leids, das über diese Menschen hereinbrach, wurden die Stolpersteine zuerst mit Wasser benetzt, dann gereinigt und aufpoliert. Bedauerlicherweise haben Witterungseinflüsse oder falsche Behandlung den Glanz der Steine bereits getrübt. Doch dieser Makel wird uns niemals davon abhalten, das Versprechen der Erinnerung zu erfüllen. Begleitet von diesem Meer der Tränen, dem flackernden Licht der Kerzen, das brennt, bis es erlischt, und der öffentlichen Verlesung, ist dieses Ritual in Essen-Karnap zu einem tief erschütternden Zeugnis flammenden Mahnung: „Nie wieder ist jetzt!“ geworden.
Es ist ein existentieller Appell an jeden Einzelnen von uns, die Wachsamkeit niemals sinken zu lassen und aus den Abgründen der Historie zu lernen, um solche Gräueltaten für immer aus der Zukunft zu verbannen.
Mone Stodiek entzündete die mitgebrachten Kerzen des Bürgervereins und andere Teilnehmer zündeten ebenfalls ihre Kerzen an. In einer Schweigeminute verneigten sich alle respektvoll und in Trauer.
Diese Gedenktafeln aus Messing sind Schreie gegen die Stille und erzählen von den brutal zerbrochenen Leben der Opfer des Nationalsozialismus. Sie tragen die Namen jener, die unverschuldet Opfer des Rechten Gedankenguts, dem folgenden Rechtsextremismus und der menschenverachtenden Diktatur wurden.
Verlegung der ersten Stolpersteine in Essen-Karnap
"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist."
Gunter Demnig, Zitat aus dem Talmud
Das Projekt „Stolpersteine“ des Kölner Bildhauers Gunter Demnig begann 1992. Am Freitag, 20.10.2023, wurden die ersten Stolpersteine in Essen-Karnap verlegt.
Am Ort „Am Karnaper Markt 2“ erinnern sie an Theodor und Johanna Blum. Diese Adresse lautetet vor der Umbenennung Kampstraße 3. Die abweichende Nummerierung der Hauseingänge erfolgte bei der Umbenennung.
Wer waren Theodor und Johanna Blum?
Theodor Blum, geb. am 9. Februar 1875 in Seiberbach bei Bingen.
Um 1900: Auswanderung nach Amerika
Zwischen 1901 und 1902: Rückkehr nach Seiberbach. Sein Vater war dort im Getreidehandel tätig. Um 1903: Umzug nach Duisburg-Hamborn
Erlernen des Metzgerhandwerks und Eröffnung einer eigenen Metzgerei. In dieser Zeit lerne er seine Frau Johanna kennen und heiratet.
1904 – 1908: Geburt von drei Kindern
1908: Umzug nach Essen
Theodor Blum, der auch im I. Weltkrieg als Freiwilliger gedient hatte, baute sich in Karnap, Ahnewinkelstraße 1, ein kleines Textilkaufhaus auf.
1933: Nach Hitlers Machtübernahme im Januar wurden über Nacht bei der Familie Blum die Fenster eingeschlagen; bisherige Freunde und Bekannte wandten sich ab. Frau Johanna Blum war schon längere Zeit sehr krank und verkraftete all diese schrecklichen Geschehnisse und auch Ausgrenzungen nicht. Sie starb am 17.Mai 1933.
1936: Verkauf des Geschäfts unter starkem Druck und weit unter Wert
1939: Emigration nach Belgien
Er wollte sich trotz Anraten nicht vor den Deutschen verstecken, da er der festen Überzeugung war, dass man jemanden, der im I. Weltkrieg so viel für das Deutsche Reich getan hat, nicht deportieren könne.
1942: Verhaftung mit seiner zweiten Frau, es folgte die Einlieferung in das Sammellager Malines (Mechelen) zwischen Brüssel und Antwerpen und Deportation am 24. Oktober nach Auschwitz ins Konzentrations- und Vernichtungslager, wo er ermordet wurde.
Geschichte und Bedeutung der Stolpersteine
Seit 1992 arbeitet Demnig an dem Projekt Stolpersteine, das die Erinnerung an die während der nationalsozialistischen Diktatur vertriebenen, verfolgten und ermordeten Juden, Sinti und Roma, politischen Widerständler, Homosexuellen, Zeugen Jehovas und Euthanasieopfer lebendig erhalten soll. Sie gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt.
Die Oberfläche der Stolpersteine ist aus Messing, welches in Beton eingegossen wird, um die Form des typischen Stolpersteins zu erhalten. Die Inschriften werden Hammer und Schlagbuchstaben eingebracht. Die 10 x 10 cm großen Gedenksteine wurden in Deutschland in mittlerweile über 1.200 deutschen Kommunen und fast 30 Ländern zur Erinnerung an NS-Opfer verlegt.
Am 16. Dezember 1992 verlegt der Künstler Gunter Demnig vor dem Historischen Rathaus in Köln den ersten Stolperstein für die verfolgten Sinti und Roma. Das Datum hat einen historischen Bezug: Genau 50 Jahre zuvor, am 16. Dezember 1942 ordnete SS-Reichsführer Himmler an, alle im Deutschen Reich noch verbliebenen Sinti und Roma zu deportieren. Im sogenannten Auschwitz-Erlass heißt es: „Die Einweisung erfolgt ohne Rücksicht auf den Mischlingsgrad familienweise in das Konzentrationslager (Zigeunerlager) Auschwitz.“
Der 100 000ste Stolperstein wurde am 26. Mai 2023 zum Gedenken an Johann Wild vor seiner Wohnung in der Bartholomäusstraße in Nürnberg verlegt. Johann Wild wurde wegen Abhörens und Verbreitens ausländischer Rundfunkmeldungen 1941 verhaftet. Das SPD-Mitglied prangerte unter einem Pseudonym die Verbrechen von Hitler und der Nationalsozialisten an. Nachdem sein Pseudonym entlarvt wurde, verurteilte das Regime Johann Wild im April 1941 zum Tode. Im Mai 1941 wurde er in München mit dem Fallbeil hingerichtet.
Diese beiden Beispiele und auch die Geschichte von Familie Blum zeigen stellvertretend die absurden und haltlosen Gründe des NS-Regimes waren, um unsinnig stigmatisierte, unschuldige Menschen zu verfolgen, zu inhaftieren und zu ermorden.
Die Aktion Stolpersteine in Essen begann 2004. Sie wird vom Historischen Verein für Stadt und Stift Essen betreut. Auf Initiative des ehemaligen Oberbürgermeisters Peter Reuschenbach fanden sich Spender und Paten zusammen, die die einzelnen Steine finanzieren. Das Projekt Stolpersteine wird in Essen fortgesetzt. Informationen über Patenschaften erteilt der Historische Verein Essen www.hv-essen.de, Ansprechpartnerin Frau Hartings, E-Mail: stolpersteine@hv-essen.de. Hinweise zur Pflege und Reinigung
Alle bestehenden und noch folgenden Stolpersteine sollten uns daran erinnern, dass hinter jedem Stein ein Menschenleben, ein Schicksal und ein Leidensweg steht. Jeder dieser Steine ist begleitet von Trauer, des Erinnerns aber auch der Mahnung. Wir müssen unsere Demokratie und die Menschenrechte pflegen, verteidigen und schützen - auch gegen Widerstände. Ein wichtiger Bestandteil der Gedenkarbeit ist, sich bewusst zu sein, wie anfällig unsere Demokratie sein kann, wenn man Antisemitismus und Diskriminierung auch nur den kleinsten Raum gibt. Wie oft hat man schon gehört oder gelesen: „Ich bin kein Nazi, aber …“ - und dann folgen Aussagen, die sich von deren Aussagen kaum oder gar nicht unterscheiden. Sowohl bei eigenen, stillen oder lauten Gedanken, in persönlichen Gesprächen oder in sozialen Netzwerken im Internet sollte jedem bewusst sein: Wehret den Anfängen!
(Quellen: Gedenkbuch der Alten Synagoge Essen, Historischer Verein für Stadt und Stift Essen e.V., https://www.stolpersteine.eu/, https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/ sowie persönliche Gespräche mit den Beteiligten bei der Verlegung in Essen-Karnap)








